| Brenta Umrundung (4 Etappen, 177 Km, 7100 Hm) |
Wir wollen näher zu der Welt der Kletterern und dafür machen wir
einen Abstecher zur Agostini Hütte. Diese Hütte ist entweder über
die "Via delle Bocchette" oder über einen ultrasteilen Karrenweg
zu erreichen, der von SanLorenzo in Banale mit 1700 Höhenmeter am Stück
durch eine enge Schlucht bis
zu den Füßen der Brenta Wände führt.
Auf der Karte sieht der Aufstieg von San Lorenzo in Banale zum Rifugio Agostini
gar nicht so extrem aus. Eine weiße gerade Linie, die erst nach dem
Rifugio Cacciatori kurvenförmig wird. Tatsächlich fühlt sich
diese Linie anders an: 15 bis 20% durchschnittliche Steigung begleiten unsere
"ersten" 1000 Höhenmeter bergauf. Fahren wird eine Kunst: Der
Weg wurde, nur an den Stellen wo die Reifen eines Autos fahren, grob betoniert.
In der Mitte loser Schotter. Biken auf 40 cm breiten Betonstreifen bei 20%
Steigung kann nicht jeder. Eine Herausforderung. Bis auf zwei Rampen klappt
es bei mir gut. Die Oberschenkel glühen, als wir am Rifugio Cacciatori
ankommen.

Das Panorama ist wie der weiter Uphill zum Rifugio Agostini: Unschlagbar.
Die riesige Moräne, die wir hochfahren sollten, muss über einen
kehrenreichen Weg überwunden werden, das Geröll ist lose und wir
müssen aufgeben: Weiterfahren unmöglich. Schiebend erstaunen wir
die einmalige Kulisse und sehen die Hütte 600 Höhenmeter weit über
uns. Die Felsen werden rosa-rot beim Sonnenuntergang, kein Wind weht, alles
ist von den südlichen Spitzen der Brenta geschützt. Auch wir fühlen
uns geschützt hier oben. Wir werden Teil dieser Natur. High-Tech Bikes
oder Gore-Tex Klamotten bedeuten nichts mehr. Arbeit, Probleme, Ärger
verschwinden. Es dämmert schon als wir unsere Bikes außerhalb der
erst kürzlich renovierten Hütte parken. Der Geruch von brennenden
Holz verrät uns den knisternden Kamin in der Hütte. Die Stimmung
beim Abendessen ist gelasssen wie immer nach einem harten Bergtag. Jeder erzählt
wie er die härtesten Passagen überwunden hat und nach eine Runde
Grappa gehen wir alle nach draußen, um die Sternenklare Nacht zu bewundern.
Die Geschichte dieser Hütte hängt mit den Ambiez Wänden zusammen.
Hier wurde durch die Erschließung einer der ersten 6. Grad-Routen in
den Alpen Klettergeschichte geschrieben, sogar der Name der Hütte bezieht
sich auf einem berühmten Kletterer, Silvio Agostini, der in der Brenta
stürzte und ums Leben kam. Der Hüttenwirt gibt mir zwei alten Hüttenbücher
wo die Topos der Kletterwege von den Erschließern selbst gemalt worden
sind. Weitere Literatur für die Routen gibt es kaum. Total fasziniert
lese ich die Notizen
und die Berichte der Kletterer an der Wärme des Kamins bevor meine Augen
zufallen.
Der Sonnenaufgang ist hier oben einmalig und nur mit Mühe verabschieden wir uns von dem Panorama und machen uns auf dem Weg nach unten. Die Abfahrt ist komplett fahrbar, auch die Moräne lässt sich runterfahren, am besten schnell, um an der Oberfläche der Gerölls zu bleiben. 30 Minuten brauchen wir, um die 1700 Höhenmeter zu vernichten. Nicht ohne Pannen. Daniel hat einen Platten, die ganze Luft ist innerhalb weniger Sekunden raus, Ursache: Ein riesengroßer rostiger Nagel hat den Vorderreifen durchgebohrt. Obwohl es so steil ist kann unser Berliner Freund auf dem Sattel bleiben, nicht schlecht für einen Flachländer....

Die Weiterfahrt über den tiefblauen Molvenosee ist so gemütlich
wie die Wege durch die Apfelplantagen des Nontals. Es ist gerade Erntezeit
und Hunderte von Leuten helfen beim Einsammeln der weltweit berühmten
Äpfel. Wir dürfen die Früchte probieren und reden mit einem
Bauern, der meint, die Äpfel seien
von dem Sturm vor drei Tagen sehr beschädigt worden, so dass ein großer
Teil nur für Kompottprodukte gut sei. Das ist natürlich ein Riesenschaden
für die Talbewohner, das Ergebnis der monatelangen Arbeit wurde kurz
vor dem Ziel fast zerstört.
In Cunevo verlassen wir die Apfelplantagen und folgen einer mäßig
steilen Strasse, die bis zur Malga Termoncello führt. Oben ist man von
der Größe der umliegenden Wälder überwältigt: wir
haben den Eindruck, wir sind in Kanada.
Tatsächlich sind die Wälder hier von Braunbären bewohnt, ein
Einzelnfall in den Alpen. Einige neue Bären aus Slowenien wurden im Frühjahr
2000 beim Lago di Tovel ausgesetzt. Die Jagdleidenschaft während des
19. Jh.s hatte den Braunbären hier vollständig ausgerottet, doch
seit 1939 steht diese Spezies unter Artenschutz, so dass sich die neu ausgesetzten
Tiere mit der Zeit vermehren konnten und heute einige Familien bilden. Das
abgelegene Gebiet ist ideal für diese scheuen Tiere. Scheu? Genau in
der Zeit, als wir um die Brenta herumgeradelt sind, ist ein Bär namens
Daniza bis zum Gardasee gewandert, um sich am Monte Brione ein paar Tage Urlaub
zu nehmen.... Wir treffen allerdings keinen Bären und konzentrieren uns
stattdessen auf den anspruchsvollen Downhill zum Lago di Tovel. Dieser See
bot bis vor wenigen Jahren ein einzigartiges biologisches Phänomen: aufgrund
eines Mikroorganismus, des "Glenodinium sanguineum", nahm er in
heißen Sommermonaten eine tiefrote Farbe an, weshalb er auch als "roter
See" berühmt ist. Wahrscheinlich hat die Umweltverschmutzung dazu
geführt, dass sich diese Erscheinung seit 1964 nicht mehr wiederholt
hat.
Die Übernachtung im direkt am Seeufer liegenden Hotel ist besonders ruhig
und wird von keinem Bären gestört.
Die letzte Uphill Prüfung der Runde verläuft über den Monte
Peller. Von hier sieht man die Brenta Türme nicht mehr, trotzdem wissen
wir, dass die Umrundung fast geschafft ist. So eine Tour könnte nicht
ohne ein letztes
Highlight enden und zwar dem ellenlangen Trail bis ins Val di Sole.
Knifflige Passagen, Wurzeln und Waldboden begleiten unseren Downhill Rausch
bis ins Tal. Bevor wir zum Ausgangspunkt in Dimaro kommen, kann ich einen
letzten Blick auf die Brenta werfen und mich innerlich auf mein nächstes
Familientreffen freuen. Diesmal werde ich ein paar Fotos von der Brenta zeigen.....
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