Transalp Challenge 2001: 7. Etappe

Intro
1. Etappe: Strecke Rennen Story
2. Etappe: Strecke Rennen Story
3. Etappe: Strecke Rennen Story
4. Etappe: Strecke Rennen Story
5. Etappe: Strecke Rennen Story
6. Etappe: Strecke Rennen Story
7. Etappe: Strecke Rennen Story
8. Etappe: Strecke Rennen Story

Startliste

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Ergebnislisten

Challenge Story 98

Challenge Story 99

 

Nur noch 2 Etappen...

Anderntags fühl ich mich zum ersten Mal ziemlich fit, das Hotelzimmer war o.k., wenn auch nicht ganz billig und frohen Mutes geht es heute an den Start in Imer (natürlich wieder als letzter...). Mein Gefühl hat nicht getrügt, schon beim Anstieg zum Passo Gobbera zeigen mir die Signale meines Körpers, daß ich heute ganz gut drauf bin - zum ersten Mal während dieses Rennens!!!
Irgendwie tritt es sich heute derart leicht, daß ich förmlich an den hinteren Regionen vorbeifliege als wir Kurs auf das Rifugio Refavaie nehmen. Ich habe der Wirtin bei meinem letzten Besuch vergangenes Jahr versprochen, daß ich wieder vorbeischauen werde, wenn ich in der Nähe bin.

Dementsprechend groß ist das Hallo, als sie mir an der Theke gegenübersteht und mich nach einem ersten skeptisch musternden Blick wiedererkennt. Vor 5 Jahren haben wir das erste Mal hier übernachtet und waren von Beginn an von ihrer offenherzigen und hilfreichen Art angetan (sie hat uns damals unsere völlig verdreckten Klamotten gewaschen und nicht einmal was dafür verlangt !).
Außerdem hat die Küche ebenfalls einiges zu bieten. Sie nötigt mich natürlich auf den sich im Rohr befindenden Apfelstrudel zu warten, was mir auf Grund des überwältigenden Duftes aus der Cucina auch nicht schwerfällt - echte Überredungskünste muß sie nicht anwenden !

Natürlich muß ich die Fragen über den bisherigen Verlauf des Rennens minutiös beantworten und so dauert das Frage-Antwort-Spiel beinahe eine halbe Stunde. Ich vergesse beinahe, daß ich ja noch 80 Km vor mir habe und erzähle detailgetreu von unseren Stürzen und dem Verlust meines Partners. Schließlich kann ich mich doch loseisen. Aus dem angedachten kurzen Abstecher wurde also eine längere Rast - na ja, der frisch gebackene Apfelstrudel war wieder äußerst lecker und ich bekomme auch noch meine Wassertanks aufgeladen - natürlich umsonst versteht sich...

Mit soviel Doping mach ich mich auf den Passo 5 Croci zu erobern. 6-7% Steigung auf angenehmem Untergrund - da kann man's richtig krachen lassen. Ich finde einen ebenso verwaisten Mitstreiter (sein Partner ist weit voraus gefahren), der auch noch denselben Rhythmus tritt wie ich. Ein geniales Duo auf dem Weg zum höchsten Punkt des Tages. Leider kann ich mit meiner Hand nicht in den Wiegetritt gehen, diese Belastung hält sie längere Zeit nicht aus. Dennoch dürfte ich mich an die ersten hundertfünzig Teams rangekämpft haben.
Meinen Weggefährten vom Aufstieg verliere ich, als er sich für den Downhill ins Val Sugana eine Windjacke überzieht und ich einfach durchfahre, da ich lediglich den Reißverschluß meines Windstoppers schließen muß.

Abwärts werde ich dann wieder von einigen Teams überholt, mit meiner lädierten Hand und dem Hardtrail bin ich mir auf der Hochgeschwindigkeitspiste einfach ein wenig zu unsicher, als das ich's einfach nur laufen lassen könnte.
Als der Asphalt beim Rifugio Carlettini erreicht ist fühle ich mich schon bedeutend wohler, der glattere Untergrund erlaubt es mir zumindest nicht weiter Boden zu verlieren.
Als wir im Talboden ankommen trau ich meinen Augen kaum. Am Verpflegungspunkt tummeln sich etwa 40-50 Leute, eine einmalige Gelegenheit in einem Aufwasch gleich einen ganzen Schwung hinter mir zulassen.

Demzufolge schnapp ich mir nur kurz 2 Äpfel und eine Banane und kurbel essenderweise weiter. Leider kommt fast 10 Minuten kein nachfolgendes Team und diejenigen, die ich einhole beschweren sich, daß ich beim Windschattenfahren zu schnell bin, obwohl ich 95% der Strecke im Wind fahre und sich die Kleingruppe nur hinten dranhängt. Jedenfalls erreichen wir den Beginn des Kaiserjägerweges im 35er-Schnitt.
Die Sonne brennt heuer wirklich gnadenlos vom Himmel, nichts zu sehen von irgendwelchen Gewitterfluten wie im Vorjahr.
Da sich meine Vorräte dem Ende zu neigen, entschließe ich mich kurz im Albergo Vescova, der letzten Einkehrstation vor dem Passo Vezzena einzukehren. Ein paar Begleiter der hinteren Ränge haben sich gegenüber dem Gasthaus positioniert und machen einen riesigen Radau. I

ch werfe noch einem kurz zu, daß ich in 25 Minuten oben sein werde (so lange hatte ich letztes Jahr gebraucht). Er schaut mich ungläubig an und meint, daß ich wohl 1 Stunde 25 Minuten brauchen würde, worauf ich nur entgegne: Schaun mer mal...Wieder soll mir mein Handycap an der rechten Hand zum Verhängnis werden, ich kann kaum in den Wiegetritt und schaffe den Abschnitt in 28 Minuten und hab erneut einige Positionen gutgemacht, als ich kurz vor dem Vezzenapaß an der Kontrollstelle einchecke.
Hier begehe ich einen später folgenschweren Fehler. Anstatt mir jetzt etwas Zeit zu lassen und nochmals die Kalorienspeicher vollzupumpen lenke ich praktisch ohne Unterbrechung auf den Schotterweg in Richtung Passo del Sommo.

12 Km und 650 Hm stehen noch, die ich, wie ich irrtümlicherweise denke, auf der linken Pobacke runterreiße. Nach wenigen Minuten habe ich ein amerikanisches Team in 2 Armstrong-Trikots in Sichtweite und setze alles daran, sie auf den Trails zu verseilen.
Der Anschluß ist schnell hergestellt und nicht zuletzt wegen meiner Streckenkenntnis gelingt es mir auch sie (vermeintlich) endgültig abzuhängen (die Armstrongs müssen an einer Stelle orientierungsbedingt stark bremsen, während ich in den Spitzkehrenabzweig entsprechend im richtigen Gang einfahren kann und wichtige Meter gewinnen kann).
Ich hör die beiden nur noch fluchend aus dem Unterholz....Die Trails sind absolut das Terrain, auf dem ich mich wohlfühle und da beinahe komplett trocken super fahrbar. Kein Vergleich zur Schlammschlacht des Vorjahres, als mich hier die völlig verdreckte Technik im Stich ließ.

So schließe ich auf mehrere Teams auf, schaffe es sie hinter mir zu lassen und biege auf den letzten Anstieg zum Sommopaß ein. Es geht nochmals etwa 3 Km bergan, 350 Hm am Ende der ehemals längsten Etappe der TC, die nicht zu unterschätzen sind.
Hier sollte sich meine Uncleverness vom letzten Versorgungspunkt rächen. Mich überholen 2 Mädels, die ich längst weit hinter mir gewähnt hatte, da ich sie bereits auf dem Kaiserjägerweg überholt hatte. Was ist los mit mir ? Ist der Untergrund zu schwer ? Ich fahr beinahe auf alle herausstehenden Steine auf, bin unkonzentriert, baue kräftemäßig rapide ab.
Plötzlich, von einem Moment auf den anderen läßt meine Kraft auf einen Schlag nach und kann selbst die niedrigsten Gänge kaum mehr treten.

Ich versuche zur Erholung noch ein paar Meter zu schieben, aber dann fangen die Muskeln das Zittern an - Unterzucker ! So eine Schei...5 Km vor dem Ziel ein totaler Burn-Out ! Ich Idiot habe in meiner Euphorie das Essen vergessen.
Mir fehlt selbst die Kraft das Rad zu schieben und völlig erschöpft laß ich mich in die Wiese fallen. Die ersten Teams treten an mir vorbei und fragen mich, ob alles in Ordnung sei. Ich nicke nur, bring keinen Ton über die Lippen.

Zum Glück erinnere ich mich an die Tafel Schokolade, die ich noch im Rucksack haben müßte und ich finde auch noch eine längst vergessene Apfelhälfte in der Seitentasche. Ich glaube, daß ich noch nie so zügig eine ganze Tafel vernichtet habe (es mögen 3-4 Bissen gewesen sein). Die letzten Getränkereserven nachgeschüttet und ich lieg da im Gras.
5 Minuten, 10 Minuten - die Augen geschlossen, langsam atmend spüre ich, wie sich die Leere in meiner Magengegend verliert und nach und nach meine Lebensgeister wiedererwachen. Ich setze mich auf, immer noch leicht zittrig, aber von Augenblick zu Augenblick und nach neuerlichen 10 Minuten fühle ich mich wieder fit genug, um weiter zu pedalieren.

Noch etwas unsicher starte ich. Im niedrigsten Gang die kaum merkliche Steigung angehen, vielleicht geht das schon. Doch ich merke sehr schnell, daß ich fast wieder der Alte bin, die Schwächephase von vorhin ist praktisch wie weggeblasen.
Unglaublich, wie schnell das geht - in beide Richtungen! Aus der Ferne hör ich noch jemanden Schreien "Uli du Arschloch". Aller Voraussicht nach ist er kurz vor dem Ende des letzten Anstiegs zum Sommopaß.
Da kommt noch einmal ein kurzes aber echt knackiges Stück Militärstraße bergauf, obwohl parallel dazu die Teerstraße mäßig hochzieht. Eine Schweinerei zum Schluß, die nochmal so richtig in den Waden weh tut.

Ich glaub es kaum, als ich dort ankomme und durchgefahren bin. Jetzt geht's bergab und auch die letzten 200m zum Ziel hinauf stellen kein allzu großes Problem mehr dar.
113. Platz trotz der beiden langen Pausen - mein Gefühl von heute Morgen hat mich nicht getäuscht und ich kann zum allerersten Mal heuer die Vorzüge einer zeitigen Zielankunft auskosten. Eigentlich fühl ich mich wesentlicher frischer als in den letzten Tagen, ich denke auf der morgigen Abschlußetappe werde ich nochmals angreifen.

Meine Freundin ist heute angekommen, hat mich aber um diese Uhrzeit noch nicht erwartet und so muß wird das Shuttle erst per Handy angefordert. Während meiner Wartezeit wird mir erst richtig bewußt, daß meine Hand wieder vor sich hintobt und nach der Duschzeremonie drängt mich meine Freundin dazu, mit meiner Hand zum Röntgen zu gehen.
In Rovereto kommt dann die nichtgeglaubte Bestätigung: Das Kahnbein ist angeknackst, ein kleiner Riß im Knochen, kaum zu sehen aber der Grund für
meine Schmerzen.
Jetzt hab ich die Bescherung. Einen Tag vor Ende der TC aufgeben ? Der behandelnde Arzt rät mir selbstredend davon ab, mich nochmals auf das Bike zu setzen und will mir sogleich einen Gips anlegen.

Das schreckt mich derart ab, daß ich sämtliche seiner Ratschläge sofort verwerfe. In keinem Fall werde ich mich derart fesseln lassen. Meine Freundin ist aufgrund meiner Reaktion völlig empört und versteht nicht, warum ich so unverantwortungslos mit meiner Gesundheit umgehe und wie mir überhaupt der Gedanke kommt mit einer angebrochenen Hand weiterzufahren.
Sie hat halt die letzten Tage nicht mitgemacht. Ich fahr doch nicht 630 Km durch die Alpen um dann einen Katzensprung vor dem Ziel die Segel zu streichen. Ich denke mir ein Tape tut's auch und ich kann als Kompromis heraushandeln, daß ich morgen Früh entscheiden werde, ob ich weiterfahre oder nicht.

2 Aspirin reichen für die abendliche Betäubung, der Schmerz ist nur dumpf entfernt zu spüren und ich zwinge mich trotz erheblicher Skepsis bezüglich der anstehenden Etappe zu guter Laune. Ausgerechnet vor dieser Technikeretappe bekomme ich diese niederschmetternde Diagnose. Bislang konnte ich mir wenigstens einreden, daß es nur eine Prellung und Lymphe ist, die mich beeinträchtigt haben, aber diese Illusion ist jetzt verflogen.
Wäre ich bloß nicht zu dem Arzt gegangen und hätte das auf nächste Woche verschoben. Die Hand hält (vielleicht wegen der fürsorglichen Pflege meiner Freundin) erstaunlicherweise ebenfalls Nachtruhe und ich werde mich morgen selbstverständlich für die Weiterfahrt entscheiden.