|
Von Ventimiglia zum Monviso - Eine Reise durch die Seealpen |
Ich habe unsere Route auf vier 1:50.000 Karten markiert. "Nach jeder Auffahrt ein Trail!". Das war die Philosophie während der Vorbereitung. Viele Informationen von Locals und aus Büchern haben mir geholfen und tatsächlich entsprachen die ersten eineinhalb Tagen meinen Vorstellungen.
![]() |
Bis zur Schleife zum Rifugio Garelli, verlief alles nach Plan. Dann verpassten wir einen schlecht markierten Abzweig und kamen weit von unserer geplanten Route ab. Seitdem schieben wir durch eine extrem einsame Landschaft, auf der Suche nach dem ursprünglich geplanten Pfad. Mein Kopf arbeitet wie während einer Prüfung an der Uni und sucht nach einer Lösung. Die Temperatur sinkt, der Nebel wird immer dichter und die Stimmung ist am Boden, bis das rote Dach eines Biwaks durch den Nebel vage auszumachen ist. Zu meiner Überraschung öffnet sich die Tür der Biwakschachtel und ich sehe eine Frau in einer dicken Jacke und mit einer Mütze heraustreten. Ich kann es nicht glauben! Schnell laufe ich bis zum Biwakplatz. Tatsächlich, wir sind hier nicht alleine! Auf die Frage, wie weit es noch bis zum Rifugio Garelli ist antwortet sie ernüchternd: "Bei dem Nebel würdet ihr den Weg nicht finden. Heute haben sich schon zwei Wanderer verlaufen und mussten die Bergrettung rufen. Ihr könnt aber im Winterraum der Biwakschachtel schlafen und morgen weitergehen."
Die Rettung! Die acht Betten des eigentlichen Biwaks sind schon besetzt. Einige der besten Höhlenforscher des Landes begrüßen uns, zusammen mit einem bekannten Kameramann aus der italienischen Schweiz. Sie drehten hier gerade einen Film für das italienische Fernsehen im größten Höhlensystem Italiens, welches sich genau unter unseren Füßen befindet. Sie sind seit sechs Wochen hier oben und sehen dementsprechend wild aus. Es gibt kein fließendes Wasser, keine Toilette und das nächste Dorf ist nur durch einen dreistündigen Fußmarsch erreichbar. Heute ist der letzte Tag ihres Aufenthaltes. Andrea, der älteste der Höhlenforscher, ist unglaublich nett und merkt wie hungrig wir sind. Immerhin haben wir seit unserem Frühstück nichts außer Riegeln mehr zu uns genommen. Käse, Brot und verschiedenen Arten von Maggi-Suppen werden auf den Tisch gestellt, und auch an Rotwein fehlt es nicht. Die Vorräte müssen ausgetrunken werden und wir helfen unseren neuen netten Freunden bereitwillig dabei. Wir erleben den besten Après-Bike-Abend unseres Lebens! Die Gesichter werden rot, die Jacken werden ausgezogen und die Stimmung ist großartig. Wir merken bald nichts mehr von den Strapazen des Tages und werden nur mit Mühe ins Winterlager laufen können. Dieses ist kalt, wirklich kalt und wir sind froh über die vielen Decken unter denen wir schnell bis zum nächsten Morgen verschwinden werden.
![]() |
Um sieben Uhr weckt uns der Hubschrauber, der die Ausrüstung der Höhlenforscher
abholt. Wir verabschieden uns schnell und starten ohne Frühstück
in den dritten Tag unseres Projektes. An Fahren ist nicht zu denken und so
schieben wir die nächsten Stunden, die sich ewig zu ziehen scheinen.
Auch als die Sonne endlich den Nebel vertreibt schieben wir noch. Erst gegen
Mittag landen wir auf einem alten Militärweg und können endlich
wieder fahren, bergauf in Richtung Grenzkammstrasse. Die Schleife wird abends
als "Nicht empfehlenswert" notiert!
Nachmittags ist keine Wolke am Himmel und die fantastische Aussicht belohnt
die Mühen der letzten Stunden. Als wir am Col Di Tenda ankommen scheint
das Leben wieder in Ordnung zu sein. Die Etappenziele müssen geändert
werden, weil wir viel Zeit verloren haben. Keine einfache Aufgabe in einer
Gegend, wo die bewirtschafteten Hütten sehr selten sind.
![]() |