Von Ventimiglia zum Monviso - Eine Reise durch die Seealpen
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Das nächste Experiment heißt Colle del Vei del Bouc. Nach einem wunderschönen Singletrail zum Colle del Sabbione schlängelt sich ein uralter Militärweg auf die 2620 Meter dieses einsamen Passes. Wir sind wieder im Nebel und können die tolle Landschaft leider noch nicht einmal erahnen. Der Weg ist mit Steinen gepflastert, jedoch haben Witterung und Zeit ihr übriges getan und der Untergrund ist leider so zerstört, dass wir nur schieben können. Es sind zwar nur 300 Höhenmeter, aber der graue Himmel drückt die Stimmung. Unterwegs passieren wir, wie so oft auf unserer Strecke, eine alte Kaserne.

Als ich reinschaue staune ich nicht schlecht, denn zwei Wanderer sitzen in einem "renovierten" Zimmer und laden mich zum Frühstück ein. Mein Bauch ist im Begriff zu Jubeln, jedoch der lange Weg, der vor uns liegt, lässt uns keine Zeit. Oben am Pass angekommen fängt es an zu nieseln und wir starten einen ewig langen Ritt auf einem Singletrail. Schwierige Passagen die zudem auch noch vom Regen feucht sind erfordern unsere ganze Konzentration. Gudrun stürzt auf dem losen Geröll und verletzt sich leicht am Handgelenk. Die Abfahrt scheint kein Ende zu nehmen - 1200 Höhenmeter auf einem Singletrail! Es folgen weitere 600 hm auf Schotterpisten und später auf Asphalt. Trotz schlechten Wetter ein absolutes Highlight!

Die Einsamkeit und die Wildnis üben ihre Faszination auf uns alle aus. Wir verkürzen wegen des Regens die heutige Etappe und erreichen den Posto Tappa des GTA, der "Grande Traversata delle Alpi", in der "Terme di Valdieri". Normalerweise sind die Etappenziele kleine Pensionen oder urige Almhütten. Diesmal jedoch befindet sich die Unterkunft in einem Grand Hotel . Das riesige Hotel wurde im 19. Jahrhundert von der Savoia Dynastie direkt an einer thermalen Schwefel-Quelle gebaut. Das Wasser entspringt hier fast hundert Grad heiß dem Berg und wird zu therapeutischen Zwecken benutzt. Wir lassen uns bereitwillig auskurieren und gönnen uns ein natürliches Schwefel-Grotten-Dampfbad. Nach zehn Minuten sind wir gekocht und die Kälte des Regens ist längst vergessen. Im Anschluss daran werden wir in warme Decken eingewickelt und relaxen im Ruheraum. Auch das Abendessen ist königlich mit Spezialitäten aus Piemont und einer Flasche Barolo. Mit der Hoffnung auf gutes Wetter schlafen wir abends entspannt ein.

Am nächsten Morgen werden wir nicht enttäuscht. Klare Luft und frische Temperaturen begleiten uns auf der harten Auffahrt zu den Laghi di Valscura. Die Landschaft ist grandios und die uralte Militärstrasse ein Kunstwerk. Die Terrasse wurde mit viel Aufwand gebaut und sieht von oben wie eine riesige Schlange aus, die sich durchs Gebirge und vorbei an den vielen Seen windet. Die Neigung ist konstant, denn auf diesen Wegen wurden früher Kanonen und Waffen mit Maultieren hochtransportiert. Leider ist der Untergrund teilweise in sehr schlechtem Zustand und wieder ist Schieben angesagt. Die Grenze zu Frankreich ist nur einen Katzensprung entfernt und genau dort liegt unser Ziel, der erste Pass, den wir heute bezwingen müssen. Kurz nach den Laghi di Valscura wird die breite Militärstrasse zum Karrenweg. Der Zustand ist zu schlecht um im Sattel bleiben zu können und wir schieben in einer Mondlandschaft hinauf bis zum Pass, wo eine alte Militärstellung die Grenze zu Frankreich markiert. Von dort aus haben wir eine tolle Aussicht auf die Berge und unsere nächste Singletrail-Abfahrt. Sie erweist sich als verblockt aber komplett fahrbar bis nach Isola 2000, einem Skigebiet.

Das Netz der Militärstrassen ist in dieser Gegend unglaublich und wir nehmen direkt die nächste zum Colle della Lombarda, wo wir Frankreich auch schon wieder verlassen. Auf dem Pass haben wir die Qual der Wahl, denn mehrere Militärwege führen in dieselbe Richtung, entschieden wird sich natürlich für den Schmaleren. Der Bike-Tag scheint heute kein Ende zu nehmen und wir nehmen den dritten Pass des Tages unter die Stollen. Auch hier müssen wir eine knappe Stunde lang auf einem schmalen Pfad schieben. Aber die Mühe zahlt sich aus, denn oben angekommen liegt vor uns wieder einmal ein super Singletrail, der auf 1000 Höhenmetern Bikespaß pur bietet. Waldboden, felsige Passagen und enge Serpentinen wechseln sich ständig ab. Die Müdigkeit wird vergessen und wir fühlen uns wie die Könige der Westalpen.

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