Transalp für Freerider
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Der nächste Tag beginnt mit Bikeservice, jeder hat was zu schrauben oder zu justieren. Das Wetter macht uns ein bisschen Sorgen, die Berge sind in Regenwolken eingehüllt. Wir fahren auf der Teerstraße von Schlanders bis nach Innersulden am Ortler, es regnet sich langsam ein. Wir halten Krisensitzung, denn der Wetterbericht meldet Dauerregen, bei solchen Verhältnissen ist der Übergang übers Madritschjoch, 3123 Meter hoch, nicht zu machen.
Dennoch beschließen wir noch bis zur Schaubachhütte zu fahren und auf ein Wetterfenster zu hoffen. In kompletter Regenmontur machen wir uns an den Anstieg. Brutal steil zieht die geröllübersäte Piste nach oben, langsam wird klar warum im Transalpbuch von Stanciu hier ein Seilbahntransfer eingezeichnet ist, kein Anstieg für Weicheier. Ich teil mir die Strecke in Teiletappen ein, fahren bis zur nächsten Kehre oder einem auffälligen Stein, dann kurze Pause, dem Puls eine Chance geben sich zu erholen, dann wieder voll reintreten, binnen Sekunden klebe ich wieder bei 180 Puls, nächstes Etappenziel. So kämpfen wir uns langsam zur pink gestrichenen Schaubachhütte in 2573 Meter Höhe. Beeindruckend streckt uns die Königspitze ihre nebelverhangene Gletscherzunge entgegen, als wollte sie uns auslachen. Für heute genug, wir sind froh als wir in trockenen Klamotten beim Abendessen sitzen und heißen Tee schlürfen.

Bild für die Gallery am Ortler

Die ganze Nacht durch prasselt der Regen auf das Metalldach über dem Matratzenlager, das ändert sich auch beim Frühstück nicht. Der Hüttenwirt rät uns von der Weiterfahrt ab, wir sitzen in der Gaststube und warten auf unser Wetterfenster. Nach einiger Zeit wird es tatsächlich heller, kaum zu glauben, das ist unsere Chance. So schnell wie nie sitzen wir auf den Bikes, der Wind schiebt die Regenwolken beiseite, die Sonne kommt raus und taucht die umliegenden Gletscher in gleisendes Licht, die Stimmung ändert sich abrupt, auch bei uns. Hochmotiviert nehmen wir den Anstieg zum Madritschjoch in Angriff, auf der Skipiste geht es wie am Vortag extrem steil bergan.
Langsam merken wir die Höhe, trotz heftigen atmens kann der Körper nicht mehr genug Sauerstoff in die Muskeln transportieren, immer wieder machen wir Pause. Als wir nach überqueren einiger Schneefelder das Madritschjoch erreichen schieben sich bereits wieder Regenwolken vor die Sonne. Wir halten uns nicht lange auf und machen uns an die Abfahrt ins Madritschtal Richtung Zufallhütte.

Wir treffen auf ein weites steiles Firnfeld, das die Schotterserpentinen überdeckt, der griffige Schnee läßt zu unserer großen Überraschung die Befahrung mit dem Bike zu. Die große Kunst ist die richtige Geschwindigkeit zwischen runtersurfen und Abwurf zu erwischen. Nach einigen Versuchen klappts, weiter unten führt ein Singletrail zwischen Felsblöcken zur Zufallhütte. Die erstaunten Wanderer können sich dort nicht so recht vorstellen woher wir kommen, wir machen erst gar nicht den Versuch es zu erklären. Weiter geht es vorbei am Zufritt-See durchs ganze Martelltal bis nach Goldrain im Etschtal und weiter bis zum Abzweig ins Schnalstal kurz vor Naturns. Wir topen die Downhillbilanz der Vortage, heute sind es ca. 2600 Höhenmeter an einem Stück, vom Madritschjoch 3123 Meter hoch bis Naturns auf 554 Meter. Wir fahren noch hoch bis Karthaus, dort beginnt Morgen der Anstieg zum Eisjöchl.

Abfahrt auf dem Schnee

Am morgentlichen Hotelbuffet stopfen wir uns voll, welche Mengen Philip essen kann versetzt uns immer wieder in Erstaunen. Leider regnet es in Strömen, wir machen uns auf eine nasse Tagesetappe gefasst. Doch wir haben auch diesesmal Glück, beim Vorderkaser ziehen wir die Regenklamotten wieder aus und trocknen uns in der strahlendem Sonne. Tief eingeschnitten zieht sich das Tal den mächtigen 3000erndern des Hauptkamms entgegen, ein überwältigendes Panorama eröffnet sich uns. Man sollte auf keinen Fall versäumen bei der Rableitalm Halt zu machen. Der Wirt der über 700 Jahre alten Hütte heißt Biker herzlich willkommen Der Weiterweg hinauf zur Stettiner Hütte windet sich ab dem Eishof in engen Serpentinen hinauf zum Eisjöchl. Als wir oben ankommen stecken wir in dichtem Nebel und haben erstmal Mühe die Hütte zu finden. Durchgefroren und ausgepowert stehen wir schließlich nach 1700 Hm Uphill vor dem Eingang.

Nach sternenklarer Nacht zeigt das Thermometer -3 Grad als wir die Hütte verlassen. Der Trail hinab ins Pfitschertal.ist stellenweise überfroren. Erst langsam kommen wir auf Touren, wie das zähflüssige Öl in Dämpfer und Ferdergabel das von dem groben Trail langsam durchgewalkt wird. Alle 30 Meter kommt eine hohe spitze Regenrinne, die entweder die Reifen malträtiert oder gleich so hoch ist daß das Kettenblatt aufsetzt, hier hat sich jemand Fleißpunkte beim Pfadbauen geholt ! Unten in Pfitsch kommen wir auf die Teerstraße die nach Moos am Timmelsjoch führt, jetzt noch 1500 Höhenmeter hochkeulen, übers Joch und unsere Schleife schließt sich am Ausgangspunkt in Sölden.
Die Vermutung hat sich bewahrheitet, jeden Tag ein Highlight, aber Genuß nur für solche Biker die das Extreme liebe, sowohl bergauf als auch bergab. Auf jeden Fall wird man mit den schönsten Landschaften und Panoramen der Ostalpen belohnt

Text: Edgar Brigel
Fotos: Jan Richter und Edgar Brigel