die Erstumrundung der Großvenedigergruppe mit dem Mountainbike
"Wir sind gleich da!" höre ich Marco rufen. Der drahtige Italiener kraxelt
fünfzig Meter vor mir in riesigen Felsbrocken herum, dem Kalser Tauern
entgegen. "Nur noch 150 Höhenmeter!" Gleich da, na sicher! Wir wären
schon längst da, wenn der Wegweiser uns nicht den falschen Berg hochgeschickt
hätte. Als sich die rot-weißen Wegmarkierungen dann nach einer Stunde
Kletterei in riesigen Schneefeldern verloren, ergab ein Blick auf die Karte:
wir sind falsch. Da drüben müssen wir rauf. Natürlich könnte
das trotzdem eine tolle Bergtour sein, der Umweg hat uns einen grandiosen Blick
auf den türkisfarbenen Weißsee eingebracht. Aber etwas ist falsch:
dies ist eine Mountain-biketour! Gefahren sind wir seit Sonnenaufgang etwa 100
Meter, dann kam das Geröll. Bergsteiger mit schwerem Schuhwerk und Trekkingstöcken
schauen uns ungläubig nach, als wir unsere Bikes dem inzwischen sichtbaren
Gipfelkreuz entgegenwuchten. Das alles ist natürlich Marcos Schuld. Als
er mir vorschlug, ihn auf dieser Tour zu begleiten, klang das so: "Bei der Planung
meiner Alpenüberquerung ist mir aufgefallen, daß man den Großvenediger
mühelos umrunden kann. Stell' Dir vor, da sind wir die ersten, das hat
bisher noch keiner gemacht! Das wird supergenial!" Noch zwei Teilnehmer hat
Marco für seine Expedition rekrutiert: Claudio und Lorenz aus Südtirol.
Der 28-jährige "Dottore in Economia e Commercio" aus Monza hat uns mit
seiner fixen Idee infiziert: den Großvenediger sehen und mit dem Bike
umrunden
"Abfahrt"
vom Kalser Tauern
Der Beginn dieser Erstumrundung ist nicht wirklich spektakulär: man fährt
halt einfach los. Allerdings nicht sehr lange: Marco hat uns für den ersten
Tag eine knallharte Tragepassage in Aussicht gestellt. Der Hang sieht aus, als
hätte ein Riese einen Erdrutsch verursacht. Alle Konzentration und beide
Augen sind auf den nächsten Schritt gerichtet. So merken wir erst an den
fehlenden Schatten, daß der Himmel inzwischen von pechschwarzen Wolken
verdeckt wird. Im Norden sehen wir schon den Regen in dunklen, bedrohlichen
Streifen niedergehen. Bloß keinen Wolkenbruch jetzt, am ersten von drei
Tagen. Lorenz malt schon seit einer Viertelstunde den Regen an die Wand: "Die
Wolken sind zu schnell, das schaffen wir nie!" Ich weigere mich zuzuhören
als plötzlich ein riesiger schwarzer Quader an einem See auftaucht, der
sich auf den zweiten Blick als die Rudolfshütte entpuppt. Wir haben kaum
unsere Bikes in Sicherheit gebracht, da erreicht uns der Sturm. An ein Weitergehen
ist heute nicht mehr zu denken, ebensogut könnte man direkt in den Stausee
springen. Alle Betten sind belegt, und so werden wir in einem Notlager untergebracht.
Die Not scheint groß zu sein, denn für 4 Leute liegen da nur 3 Matratzen...
Als wir am nächsten Morgen um halb sechs aufstehen, spiegelt sich ein fast
wolkenloser Himmel im völlig ruhigen Weißsee. Wir brechen gleich
auf, denn heute steht uns ein langer Tag bevor. Den hat unser kleiner Umweg
um gute eineinhalb Stunden verlängert. Als ich endlich am Gipfelkreuz vom
Kalser Tauern (2515m) ankomme, springt Marco schon aufgeregt hin und her. "Gämsen!
Da drüben! Seht Ihr sie?" Die Bergsteiger hier oben begutachten uns wie
Außerirdische. Ich kann es auch kaum glauben, aber wir sind dabei, den
Alpenhauptkamm zu überqueren. Links von uns die Großglocknergruppe,
rechts die Ausläufer des Großvenedigers. Wir studieren die Karte,
um festzustellen, zu welchem Berg die imposanten Gletscherformationen gehören.
Der Mittelpunkt der ganzen Unternehmung, der Großvenediger selber, ist
noch nicht in Sicht. Wir beginnen mit dem Abstieg, hangeln uns an Sicherungskabeln
entlang. Zwischendurch können wir immer wieder aufsteigen und ein Stück
fahren. Die Kulisse ist gigantisch und läßt uns die zitternden Beine
und die anstrengende Tragerei vergessen. Wasserfälle stürzen von beiden
Seiten in's Tal, der Seebach rauscht neben uns, und laufend ertönt das
eigentümliche Pfeifen der Murmeltiere. Linkerhand sehen wir kurz eine weiße
Spitze: der Großglockner. Doch der Mittelpunkt unserer Umrundung, der
Großvenediger, ist aus diesem Tal nicht zu sehen. Marco vertröstet
uns, vielleicht am Nachmittag...
Am Dorfersee
Der Blick zurück in Richtung Granatspitze ist atemberaubend. Das Mittagessen
auf der Terasse vom Kalser Tauernhaus auch. Seit Sonnenaufgang sind wir schon
5 1/2 Stunden unterwegs. Davon gut fünf zu Fuß. Ich frage mich, ob
auch die beiden Südtiroler an Marcos Verstand zweifeln. Im Spaß erklärt
er uns, "Umrundung heißt nicht Umfahrung." Wir sollten uns noch an seine
Worte erinnern... Schotter und Asphalt, egal, wir fahren wieder, das ist die
Hauptsache. Ohne einen Blick für die romanische Filialkirche Hl.Georg passieren
wir Kals. Von hier aus wurde der Großglockner 1853 zum ersten Mal erstiegen.
In glühender Hitze geht es durch das Defereggental. Eine Pause in St.Leonhard
mit seinen Schwefel-, Eisen- und Kohlesäurebädern steht leider nicht
auf unserem Programm. Im warmen Licht des späten Nachmittags fahren wir
durch das verlassene Arvental. Unzählige Weidegatter müssen wir öffnen
und schließen. Das Tal und seine Seitentäler erinnern an Irland,
so grün und weich sind die Konturen. Von Norden mündet die Schwarzach
in das Arvental. Der weiß schäumende Fluß entspringt in der
Großvenedigergruppe. Doch der Berg selber bleibt weiterhin verborgen.
Am 2288 Meter hohen Klammljoch ein Grenzstein: wir sind in Italien. Der Kuhhirte,
dessen Herde unseren Weg kreuzt, spricht einen kaum verständlichen Dialekt.
Als wir ihm unsere Route beschreiben, werden die Falten auf seiner Stirn noch
tiefer. "Ouhh, das ist anstrengend," raunt das runzlige Männchen "aber
gesund!" Im Weyerhof in Prettau fallen wir erschlagen in's Bett. Das Zimmer
in der Pension ist noch enger als das vom Vorabend, aber dafür gibt es
hier für vier Leute auch vier Betten...
Der dritte Tag. Heute muß er sich uns zeigen, der Großvenediger.
Wieder ein phänomenaler Sonnenaufgang, wieder strahlendes blau. Der Schweiß
fließt in Strömen, als wir uns auf Schotterwegen 650 Höhenmeter
zur Schüttalalm hocharbeiten. Ab hier wird es wieder abenteuerlich, ein
Singletrail wird zur Kletterpartie für Schwindelfreie. Halbverfallene Steinhütten,
ein Wasserfall, und immer vor Augen: die 3499m hohe Dreiherrnspitze, ein stolzer
Berg, über den genau die Italienisch-österreichische Grenze verläuft.
Dann die Ernüchterung: der Aufstieg zum Krimmler Tauern ist nicht fahrbar.
Schon wieder schieben und tragen wir die Bikes. Nur ein Wahnsinniger kann diese
Tour geplant haben! Lorenz und Claudio leiden schweigend während ich über
die immer größer werdenden Steinstufen schimpfe, aber Marcos gute
Laune ist unerschütterlich. Die Landschaft ist umwerfend, auf 2683m haben
wir das Gefühl, über die Schneide eines Messers zu laufen. Wir überqueren
den Alpenhauptkamm zum zweiten mal in zwei Tagen. Unter uns liegt das Rifugio
Vetta d'Italia, der nördlichste Punkt Italiens. Marco öffnet einen
kleinen Kasten und schreibt in's Paßbuch: "1.Großvenedigerumrundung
mit dem Mountainbike, 13.-15. 8. 2000". Dann müssen alle unterschreiben.
Abfahrt vom Krimmler Tauern
Dies ist der höchste Punkt unserer Tour, und spätestens hier, hatten
wir alle spekuliert, würde es soweit sein. Keiner spricht aus, was alle
denken: Wann sehen wir endlich den Großvenediger? Selbst Marco ist ratlos.
Zwei Tage und 120 Kilometer sind wir jetzt schon unterwegs, der Kreis ist fast
geschlossen.Kann man um diesen Berg herumfahren ohne ihn jemals zu Gesicht zu
bekommen? Doch in erster Linie sind wir Mountainbiker und stürzen uns in
das malerische Windbachtal. Ein 8 Kilometer langer Singletrail wird zum vorläufigen
Höhepunkt des Tages. 7 1/2 Stunden sind wir schon unterwegs heute, diesmal
bin ich mit dem Schließen eines Weidegatters an der Reihe. Die anderen
sind schon weg, ich rase hinterher. Nach der Kurve stehen sie auf einmal wie
angewurzelt quer auf dem Weg. Nur meine Vollbremsung verhindert ein gewaltsames
Ende der Umrundung für uns alle. Als die Staubwolke sich lichtet, verstehe
ich: Ein riesiger, blendend weißer Berg strahlt vor uns in der Sonne.
Keiner sagt ein Wort. Es bedarf keines Blickes auf die Karte, um zu wissen,
daß dieses majestätische Massiv der Großvenediger ist. " ...einer
der schönsten, größten und berühmtesten Gletscherberge
der Ostalpen... " nennt ihn der Alpenvereinsführer. Wie er zu diesem Namen
kommt, erklärt uns Marco beim Mittagessen im Krimmler Tauernhaus: "Einer
Sage nach waren im 18.Jahrhundert ein paar Hirten und Schafsucher besonders
hoch gestiegen und erblickten einen Eisberg. Sie glaubten, weit im Süden
eine Stadt und einen großen Seespiegel zu sehen: das sagenhafte Venedig
und das Meer. Deshalb nannten sie den Eisberg "Venediger"."
Marco und der Venediger
Wir sind alle vier stolz und glücklich, doch am meisten strahlt Marco:
sein Traum von der Erstumrundung des Großvenedigers ist in Erfüllung
gegangen. Und wie in einem Traum präsentierte sich uns der Berg nach zweieinhalb
Tagen harter Arbeit. Die letzten 66 Kilometer zum Ausgangspunkt der Tour fahren
wir wie in Trance, schweigend und nachdenklich und gelegentlich schwärmend
vom fantastischen Anblick des Berges, auf den wir so lange warten mußten.
Zu Ehren unseres italienischen Tourguides Marco schreiben wir den historischen
Ausspruch Julius Cäsars um: Veni Vidi Venediger. Was ungefähr soviel
heißen soll wie "Wir kamen, umrundeten, und sahen den Großvenediger."
Text und Fotos by
Stephan Repke
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