| Völs-Fedaiasee und zurück, eine Trailorgie |
Samstag 2. Oktober 1999
Wir wachen auf in unseren Doppelzimmer. Wir haben ein Doppelbett. Zum Glück ist der Lorenz unkompliziert wie ich. Er hat sich von der Idee, neben einem Unbekannten schlafen zu müssen, nicht erschrecken lassen. Gut so. Das ist ein gutes Zeichen. Gestern Abend haben wir uns kennergelernt, vor einem Bier natürlich. Die Stimmung war sofort entspannt. Nicht nur wegen dem Bier. Zwei Italiener kommen ziemlich schnell ins Gespräch, obwohl wir eigentlich Deutsch miteinander sprechen... Unsere Tour kann beginnen.

Der Himmel ist bewölkt, ab und zu scheint die Sonne. Die Strasse bis zur Seiseralm ist nichts besonders, aber bietet uns die Möglichkeit zu reden und sich kennenzulernen. Oben an der Seiser Alm ist wie immer viel los. Viele Autobergtouris, zu viel Lärm. Wir fahren in Richtung Mahlknecht Hütte, über eine kleine Asphaltstrasse, die später ein Schotterweg wird. Das Panorama ist grandios: vor uns steht der Langkofel und das ganze Grödnertal. Auf der Hütte machen wir Mittagspause. Weiter geht es bis zum Passo Duron. Dort kommt die Abzweigung: wir nehmen den Weg 4, 594, ein schmaler Pfad, der sich am Grasshang entlangschlängelt. Er ist durchwegs fahrbar, und es macht tierisch Spaß. Außer uns ist kein Mensch unterwegs, deswegen müssen wir keinen Wandererslalom machen. Vom Trail sieht man schon mal den Schotterweg, der vom Fassatal zum Passo Duron geht. Vorgeschmack für morgen. Von hier oben sieht er harmlos aus..... Unserer Pfad führt bis zur Plattkofel Hütte. Die Hütte ist, wie fast alle andere Hütten in dieser Jahreszeit, geschlossen.
Wir fahren weiter auf den Friedrich August Weg. Der schmale Trail ist anspruchsvoll, aber im Großen und Ganzen machbar. Ein paar einsame Wanderer feuern uns total begeistert an. Ab und zu geht es über große Felsen, da müssen wir schieben. Das Ende des Trails und des Tages kommt zu früh. Es ist 15 Uhr als wir an der Friederich August Hütte ankommen. Weiterfahren wäre sinnlos, da alle andere Hütten auf unseren Weg geschlossen sind. Die Hütte ist renoviert worden und selbst das Matratzenlager, wo wir übernachten werden, ist luxuriös: sauber, bequeme Matratzen und Lichtsensoren. Man sieht, was das Skitourismus bringt: Geld, und viel davon. Die Hütte ist für den nächsten Winter schon ausgebucht. Sie liegt direkt auf der Piste, oberhalb von Canazei, umringt von Sellagruppe, Langkofel, Fassatal. Ein Traum für die Autoskibergtouris....und auch für uns ist sie super und günstig: wir zahlen 50.000 Lire für die Halbpension.
Sonntag, 3. Oktober 1999
Es ist saukalt. 4 Grad, bewölkt und wir haben eine eisige Abfahrt vor uns. Wir ziehen alles an, was wir im Rücksack haben und fahren los zum Sellajoch. Von dort folgen wir einem Almweg bis zur Strasse, die in Richtung Pordoijoch führt. Jetzt müssen wir bergauf fahren, es wird uns gleich warm. Also ausziehen. Die Passstrasse ist menschen- und autoleer. Wir müssen nicht bis zum Pass. Am Albergo Pordoi (geschlossen natürlich) fahren wir rechts auf einen steilen Weg durch die Skipisten. Es ist pervers steil. Hier fahren normalerweise nur Geländewagen. Irgendwie kommen wir oben an den Rifugio Fredarola an. Da weht ein gewaltiger Wind. Klar, wir stehen gerade auf dem Grat. Links sehen wir die Sella, rechts die Marmolada. Sehen ist gut, wir ahnen sie nur. Die Gipfeln sind von dicken Wolken bedeckt, selbst der Marmolada Gletscher ist nur zur Hälfte zu sehen. Jetzt wollen wir dem Bindelweg folgen.
Das ist
ein Trail. Spektakulär wie selten. Gut fahrbar, bis auf einigen Stellen. Ich
könnte den ganzen Tag hier oben fahren. Die Luft ist so frisch und spritzig,
der Blick so beeindruckend. Ich fühle mich total frei. Der Bindelweg wird
erst unfahrbar, als wir bergab zum Fedaiasee fahren wollen. Keine Chance.
Schieben ist angesagt. Am See werfen wir einen letzten Blick zur Marmolada
und fahren in Richtung Canazei auf dem Weg 605. Ein genialer Trail. Leider
ist der Boden nass und die Steine rutschig. Wir müssen aufpassen, dass wir
nicht auf der Schnauze landen. Später mündet der Pfad auf die Asphaltstrasse.
Es nieselt, und auch die Strasse ist inzwischen nass geworden.
Wir geben trotzdem Gas und bei einer Rechtskurve rutscht mein Vorderrad weg. Ich weiß nicht mehr wie, aber ich stürze nicht. Der Adrenalinstoß lässt mich schwitzen. Nicht für das letzte mal, heute. Von Canazei fahren wir nach Campitello weiter. Dort essen wir eine Pizza und machen wir uns auf dem Weg zum Passo Duron. Es nieselt weiter, ist aber erträglich. Die Strasse ist am Anfang asphaltiert und an manchen Stellen unmöglich steil. Schlimmer wird es nur kurz vor dem Passo Duron. Der Weg, der gestern so harmlos aussah, ist in Wirklichkeit ein steiles Schottermonster. Fahrkunst ist gefragt. Der Lorenz schiebt. Ich schaffe es (Angeber!!!). Leider ist vom Panorama nichts zu sehen. Alles liegt in einer grauen Suppe.
Am Passo Duron
schließt sich der Kreis. Fast. An der Seiseralm folgen wir nicht die Asphaltstrasse
(die wir gestern gefahren sind) bergab, sondern einem schmalen Pfad, der bis
zum Völser Weiher führt. Ein endloser Supertrail. Leider regnet es jetzt in
Strömen, es ist alles rutschig. Wir lassen uns den Spaß aber nicht verderben
und fahren kompromisslos runter. Auf einer Wurzelpassage fliege ich wie ein
Engel vom Fahrrad. Zum Glück lande ich auf Gras. Adrenalinstoß, Teil 2. Wir
kommen endlich in Völs an. Der Lorenz, der zu diesen Zeitpunkt noch nicht
im Besitz einer Regenhose war, ist ziemlich nass. Es sagt, es würde beim Biken
nie regnen...........
Wir verabschieden uns, wie wir uns kennengelernt haben: vor einem Bier. Wir sind uns einig: die Tour war genial, wir sind nie so viele schöne Trails in einer Tour gefahren.