| The Canadian Experience 2000: Golden und Roger´s Pass |
Es ist ungefähr 17:00 Uhr, als ich im ACC Clubhouse in Canmore ankomme. Dort rufe ich den Bergführer, der mich in den nächsten Tagen begleiten wird, an. Wir treffen uns in einem Restaurant, das seine eigene Brauerei hat. Es heißt Grizzly Bar.. Der Bergführer ist ein wilder Österreicher namens Klaus, 26 Jahre alt. Er wohnt hier in Kanada seit einem Jahr. Zusammen wollen wir ein paar Backcountry Touren machen.
Wir verabreden uns für den nächsten Tag und ich falle kurz nach 20 Uhr tot ins Bett. Der Jetlag (8 Stunden) macht mich ko.
Um 7 Uhr hole ich den Klaus mit dem Mietwagen ab und wir fahren nach Golden. Wir wollen heute nur eine kleine Tour machen. In Golden ist es schon Sommer. Die Leute laufen in T-Shirts rum, ich frage mich, wie das mit Boarden gehen soll. Es gibt ein Skigebiet in Golden, oder besser: eine Lift und verschiedene Pisten. Von Golden zum Skigebiet fährt man eine halbe Stunde über eine matschige Forststrasse. Jetzt verstehe ich, warum die Kanadier hauptsächlich Geländewagen haben. Es sieht so aus, als ob jemand die Strasse bombardiert hätte. Tatsächlich gibt es Schnee, weiter oben. Wir nehmen den Lift und laufen von der Bergstation mit Schneeschuhen (Klaus) und kurzen Skiern mit Fellen (ich) los. Ich habe genau vor dem Urlaub teilbare Skier Pogo gekauft, als Aufstieghilfe. Sie sind kurz und ich rutsche immer wieder. Ich werde ein bisschen Zeit brauchen, bis ich mit den Geräten zurecht komme. Bis dahin werde ich oft auf die Schnauze fallen, wenn der Schnee hart ist.
Wir laufen zuerst durch den Wald, später über den Hang, der zum Gipfel von diesem No-Name-Berg führt. Es ist inzwischen 14 Uhr, der Schnee wird weicher. Dann los, mit meiner ersten Kanadische Abfahrt. Die habe ich mir anders vorgestellt: Meter vom Pulverschnee und Antarktische Kälte. Eigentlich fahren wir auf einem mäßigen Firn in sommerlichen Temperaturen. Der Weg bergab müssen wir selber erfinden. Das heißt: durch den Wald, da wo es geht. Bevor wir durch den Wald fahren, warnt mich der Klaus vor einer typischen kanadischen Gefahr: der weiche Schnee unter den Bäume. Dieser Schnee fällt von den Bäumen und ist besonders weich. Wenn man da rein fällt, kommt man nur mit Schwierigkeiten wieder raus. Ich rede von 2 Meter Schnee. Er sagt, es würden mehr Leute, die mit dem Kopf runterfallen, sterben, als wegen Lawinen. Ich glaub ihm. Es gibt teilweise nur knapp einen Meter Abstand zwischen den Bäumen. Spannend. Und lustig. Irgendwie kommen wir runter und landen auf der Skipiste. Das ist ein Slalom!
Wir übernachten in einer Jugendherberge, die direkt an der Bahn liegt. Hier fahren nur Güterzüge vorbei. Diese Eisenbahn war bis vor wenigen Jahrzehnten die einzige Verbindung zwischen Calgary und Vancouver. Später wurde die Highway Nr. 1 gebaut, die genau parallel zur Bahn verläuft.
Jedes Mal, wenn ein Zug vorbeifährt, bebt das Boden und ich denke, das Haus wird gleich zusammenstürzen. Trotzdem genießen wir den „Golden“- Sommer. Wir sitzen draußen im T-Shirt und trinken Bier. Werde ich je den berühmte Pulverschnee erleben?
Wir stehen früh auf und machen uns auf den Weg zum Roger´s Pass. Der Pass ist eine Autostunde entfernt von Golden. Ein Schneeloch, in kanadischer Größe, sagen die Einheimischen. Wir sind jetzt in British Columbia, wo die Pacific Time gilt (1 Stunde vor), also sind wir zu früh da. Die Ranger, die das Touristenzentrum am Paß betreuen, kommen erst um 8. Am Roger´s Pass ist es wichtig sich von den Rangers registrieren zu lassen, wenn man im Backcountry unterwegs ist. Lebensnotwendig: hier gibt es eine seltsame Lawinenkontrolle. Keine normale Sprengung. Falls die Autobahn von einer Lawine bedroht wird, kommt die Armee zum Einsatz: der Highway wird gesperrt und Raketen werden auf die Berge geschossen .
Die Hänge direkt an der Autobahn sind für Tourengeher gesperrt, aber es ist nicht immer so einfach zu erkennen, wo die Sperrung beginnt, da es keine Zäune gibt. Es ist dann besser, den Rangers zu sagen, wo man hingeht, damit die Soldaten, bevor sie schießen, einen Blick durch ihr Fernglas werfen.
Die Rangers sind übrigens für uns extrem wichtig, weil sie uns über die Lage des Schnees informieren und uns empfehlen, wo wir den schönsten Schnee finden können. Wir gehen heute auf den Grizzly (Obsession oder Wahrheit?) Shoulder. Da gibt es praktisch eine Schneezunge die durch den Wald geht. Die einzige Stelle, wo man fahren kann, ohne ein Baum zu überfahren. Es ist steil und der Schnee ist hart. Ich rutsche mehrmals bis wir oben sind. In den letzten 100 Höhenmetern müssen wir durch eine zwei Meter breite Felspassage laufen. Kein Problem bergauf. Am Gipfel kann ich endlich sehen, wo wir sind und was neben uns ist: Berge, Berge, Berge. Nichts anderes. Keine Wege, keine Dörfer, keine Menschen. Die meisten von diesen Bergen haben nicht mal einen Name. Es gibt nicht genügend Namen für so viele Gipfel.
Die Sonne scheint, der Schnee ist inzwischen weicher geworden. Wir fahren ab: lustig ist das o.g. Stück durch die Felsen. Adrenalin pur. Der Rest ist eine klasse Abfahrt, die uns beide begeistert. Immer wieder muss man Bäumen ausweichen und Bodenwellen überspringen. Wir vernichten 800 Höhenmeter innerhalb von wenigen Minuten und schwitzen in der Mittagssonne.
Im Auto entscheiden wir uns, nach Canmore zurückzufahren, da das Wetter in den nächsten Tage schlecht sein wird. Hoffentlich schneit es.