| Pierra Menta 2003 |
Text und Fotos: Marco Toniolo. Dieser Bericht erscheint in der Süddeutschen Zeitung vom 22.03.2003
Die Beine sind schwer, das Herz rast und das Ende der Tagesetappe ist nicht in Sicht. Der Schweiß fällt in die Augen und brennt, alles was man sieht ist die Spur, die mit unzähligen Spitzkehren gnadenlos senkrecht nach oben führt. Schritt für Schritt, Meter für Meter nähern sich die Teams dem Scheitelpunkt. Es ist erst neun Uhr in der Früh und 2.000 Höhenmeter liegen schon hinter den besten Mannschaften. Keine Zeit, die schöne Aussicht dieses fantastischen Wintertages zu genießen. Schnell werden die Felle von den Skiern abgemacht. Die Abfahrt führt über eine teilweise 45° steile und vereiste Couloir. Erst am Nachmittag wird die Sonne das Eis in weichen Firn verwandeln. Bis dahin ist die Tagesetappe aber längst zu Ende.
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Zu Recht zählt die Pierra Menta zu den härtesten Skitouren-Rennen der Welt. 10.000 Höhenmeter bergauf in vier Tagen. Steile Passagen bergauf sowie bergab, längere Abschnitte zu Fuß mit den Skiern auf dem Rucksack und ein irrsinniges Tempo machen es sogar den Profis aus Frankreich und Italien sehr schwer. Erstaunliche 9 Stunden und 40 Minuten haben die Gewinner der 2003 Ausgabe gebraucht, um die 4 Etappen zu bewältigen. 150 Zweier-Teams haben teilgenommen, die meisten sind Amateure, 12 sind Frauen-Mannschaften.
Maurizio und Daniele aus Bergamo haben Urlaub genommen, um nach Beaufort
in Frankreich zu fahren und die legendäre Pierra Menta zu bestreiten.
Die zwei haben lange in ihren Bergamasken Alpen trainiert. Unter der Woche
sind sie Skitouren gegangen, vor oder nach der Arbeit. Als kein Schnee lag,
war Laufen angesagt. Die Nudel-Diät der letzten Woche vor dem Rennen,
um Kohlehydrate zu tanken, ist den Italienern selbstverständlich nicht
besonders schwer gefallen.
Die erste Nacht vor dem Startschuss ist unruhig. Die Spannung steigt und richtig
tief schlafen kann keiner. Der Wecker klingelt um fünf Uhr für alle
Teilnehmer, die in drei Hotels übernachten. Los geht es mit Frühstücken,
Rennanzug-Anziehen und Aufwärmen. Punkt sieben Uhr fällt der Startschuss.
Es wird gerannt wie bei einem 100 Meter Sprint, um sich die ersten Plätze
zu sichern und das Tempo zu bestimmen. "Bloß am Anfang nicht übertreiben",
erzählt Maurizio. "Wir wollen die vier Tage überstehen. Die
Platzierung spielt keine große Rolle." Die 2.500 Höhenmeter
des ersten Tages haben es aber in sich. Fünf verschiedene Anstiege und
eine Querung über einen Kamm, die Trittsicherheit und Schwindelfreiheit
erfordert. Maurizio muss während dem letzten Aufstieg mit Krämpfen
am Oberschenkel kämpfen, sein Gesicht ist schmerzverzerrt. Der Preis
eines zu schnellen Tempos. Die beiden wollten die Zeit wieder gutmachen, die
sie bei einem kleinen Unfall verloren hatten. Während eines Aufstiegs
hatte Daniele einen Skistock aus der Hand verloren. Bei dem Versuch, den Stock
zu holen ging eine Nassschneelawine ab, deren Rand den Italiener getroffen
hatte. Er rutschte einige Meter mit, bevor er rauskam. Die Lawine wurde immer
größer und kam erst 500 Meter weiter unten zum Stillstand. Glück
gehabt.
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