Pierra Menta 2003
<< [2/2] 

In der achtzehnjährige Geschichte der Pierra Menta ist noch kein großer Unfall passiert. Das ist der Sorgfalt der Streckenplaner zu verdanken. Mit viel Aufmerksamkeit und Erfahrung werden die Route und die Spur vorbereitet. Je nach Wetter und Lawinengefahr können die Tagesetappen bis kurz vor dem Start geändert werden. Wie am Samstag, dem großen Tag. Das Rennen führt traditionsgemäß über den Grand Mont, der höchste Berg des Tales. 3000 Zuschauer gehen mit Tourenskiern bis zu dem 2600 hohen Gipfel, um die Mannschaften anzufeuern.
Die Stimmung ist wie bei der Tour de France. Schon um vier Uhr in der Früh gehen die ersten Fans den Berg hoch. Mit Teekanne und Baguette im Rucksack, stellen sie sich auf beiden Seiten der Spur, Stundenlang auf die ersten Teams wartend. Der zähe Nebel und die knappe Sicht wird dieses Jahr aber zu gefährlich für den geplanten Streckenverlauf. Der Gipfelsturm wird abgesagt, das Publikum bekommt die Nachricht, als die meisten Leute noch auf dem Aufstieg sind. Die Stimmung bleibt trotzdem hoch. Die Athleten werden zweimal einen niedrigeren Sattel knapp oberhalb der Waldgrenze passieren. Hier müssen sie durch einen zwei Meter breiten und circa einen Kilometer langen Menschen-Korridor. "Es war unglaublich", verrät später das Bergamaske Team. " Am Anfang dachten wir, nur ein paar Zuschauer wären hier hoch bei dem Schmuddelwetter gekommen. Nach dem ersten Kuppel sahen wir aber die lange Menschen-Schlange. Wir waren sehr gerührt."

Beim gemeinsamen Essen am Abend des dritten Tages kann man die Anstrengungen des Rennens regelrecht im Gesicht der Teilnehmer sehen. Ein paar von denen, wie Daniele, tragen die Spuren von bösen Stürzen auf dem harten Schnee. Die Ringen unter den Augen werden größer. Der Energieverbrauch während der Tagesetappen kann kaum durch die Ernährung ausgeglichen werden, mit der Konsequenz, dass die meisten Athleten nach dem Rennen ein paar Kilo weniger wiegen. Auch die tägliche Fahrt zur Patisserie, um nachmittags zwei oder drei Croissants zu kaufen, füllt die Lücke nicht.

Der Aufstieg auf dem Grand Mont findet am letzten Tag statt. Der spektakuläre und felsige Kamm, der zum Gipfel führt, ist die letzte harte Prüfung. Links und rechts geht es fast senkrecht nach unten. Die Kontrollposten, an die schwierigsten Stellen positioniert, helfen den unsicheren Teams. Die Sonne ist noch niedrig, das Licht ist einmalig, sowie die Kulisse, die von den Mannschaften leider ignoriert wird. Die ganze Nordseite des Mont Blancs scheint zum Greifen nah und die vergletscherte Landschaft der Westalpen erinnert an Bilder vom Himalaja. Die Karawane der Rennfahrer zieht mit Hektik vorbei. Keiner redet, das Atmen fällt schwer nach 1500 Höhenmetern bergauf am Stück im Renntempo. Nur ein kleiner Gegenanstieg trennt jetzt die Teams von der Ziellinie. Das Gedanken, es geschafft zu haben, gibt der Mannschaft aus Bergamo zusätzlichen Kraft. Völlig ausgepowert aber glücklich bringen sie das Rennen mit dem 114. Platzt zu Ende. Eine unglaubliche Leistung für die zwei Amateure aus dem Norden Italiens. "Man hat während des Rennens viel Zeit nachzudenken", sagt Daniele. "Was im meinen Kopf am häufigsten vorkam ist, dass ich mir so was nie wieder antue. Jetzt, dass ich hier bin, habe ich aber meine Meinung schon geändert. Ich habe meinen Schweinehund besiegt und kenne meine physische und psychische Grenzen ein Stück besser. Ich fühle mich innerlich stärker. Ich werde wieder kommen!"

INFO
Die Pierra Menta findet jedes Jahr statt. Bei der Anmeldung muss eine Art Alpinistisches Lebenslauf hinterlegt worden. Das Rennen kann nur von Zweierteams bestreitet werden. Die Veranstaltung findet in der Region des Beaufourtain statt, in Frankreich.
Website: http://www.pierramenta.com/

Das Königsrennen, der "Trofeo Mezzalama", findet am 3. Mai 2003 auf dem Monte Rosa statt. Die Strecke verläuft im großen teils oberhalb von 4000 Meter, mit Startpunkt in Cervinia und Ziel in Gressoney, beide in Italien. 200 Dreierteams nehmen teil. Ein sicherer Umgang mit Steigeisen und Seil ist gefragt. Die besten schaffen die 42 Kilometer und 2800 Höhenmeter bergauf in ca. 4 und ½ Stunden.
Das Rennen wurde für das erste Mal 1933 ausgetragen. Den Namen verdanken wir Ottorino Mezzalama, der "Vater" des Ski-Alpinismus in Italien. Er starb 1931 unter eine Lawine. Seine Freunde wollten ihn durch ein besonderes Rennen ehren.
Website: http://www.trofeomezzalama.org