Scuol und S-Charl
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S-Charl war bis 1920 eine Bergbausiedlung, an die noch Ruinen der Schmelzöfen und das kleine Museum am Wegrand erinnern. Seit dem 14. Jahrhundert wurde in den Minen Silber und Zinn geschürft und mit Maultieren über den Cruschettapass nach Italien transportiert. Das Dorf lebt heute vom Tourismus. Im Sommer kann man bis hierher mit dem Auto fahren. Im Winter ist die einzige Verbindung mit der Außenwelt durch den Pferdeschlitten des Fuhrhalters Men Juon gesichert.
Die langen 15 eingeschneiten Kilometer Entfernung von Scuol im Engadin sind nicht das einzige Verbindungsproblem. Dazu kommt wegen der steilen Bergflanken die Lawinegefahr, die den zwei Einwohnern von S-Charl zu schaffen machen kann. Einer davon ist Jean-Jacques Mayor, der Wirt des gleichnamiges Gasthofs. Ein Fotoalbum, in das mehrere Zeitungsartikel geklebt wurden, erinnert an den härtesten Winter des vergangenen Jahrhunderts, 1999, als wegen den unglaublichen Schneemengen das Dorf drei Wochen lang komplett abgeschlossen war. Samt Touristen natürlich.

Auf dem Gipfel des Piz d´Imez

Ein Blick in die gemütliche Stube während des Abendessens verrät, welche Art von Kunden den Gasthof besuchen. Skitourengeher verschiedener Nationalitäten genießen die proteinvolle Küche nach einem harten Skitag. Rote Gesichter und sportliche Klamotten wirken Wunder auf die Stimmung derer, die gerade aus der Stadt kommen. Hier befindet man sich in einer anderen Welt. Die Zeit wird nicht mit den Stau-Minuten sondern mit den geschafften Höhenmetern gemessen. Der Wecker klingt vielleicht früher als im Arbeitsalltag, dennoch ist man frischer und gut gelaunt. Eine Karte auf dem Tisch lädt zur Planung der nächsten Tour ein. Die Anziehungskraft eines solchen Papierstücks überbietet die des Fernsehers zu Hause, eine Diskussion über die bessere Route ist schnell in Gange und wird später mit einem Grappa enden.

Der Wecker klingelt gnadenlos. Träume von endlosen Schlittfahrten mit Heidi werden respektlos unterbrochen. Es ist noch nicht ganz hell draußen. Das Bett zu verlassen kostet mehr Kraft als jeder Aufstieg im Tiefschnee. Was auf Lorenz und Marco wartet, ist eine Snowboardtour, die mehr an eine Expedition erinnert.
Nach der Besteigung des Piz d´Immez (3033m) wollen die zwei Snowboarder über das Lischanatal nach San Jon zurück. Ein Weg, der im tiefen Winter selten begangen ist. Vom Tal heben sich in Richtung Himmel mehrere steile Couloirs, die sich schnell in Lawinenkorridore verwandeln können. Wirt und Gäste lesen den Lawinenbulletin, es gibt grünes Licht für das Abenteuer. Die Schneedecke ist unterdurchschnittlich für diese Jahreszeit, man kann Touren gehen, die normalerweise erst im April machbar sind.
Solche langen Touren werden - dank der Splitboard- Lösung - immer häufiger auch von Snowboardern unternommen. Man teilt das Brett in zwei Teile, um eine Progression bergauf wie bei den Tourenskiern zu ermöglichen. Am Gipfel werden die zwei Bretter mit wenigen Handgriffen zusammengebaut, damit die Abfahrt mit der üblichen Surf-Bewegung erfolgen kann.

 
Hoch in Richtung Piz d´Imez    

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