Pisciadù Winterbegehung
<< [1/2] >>

Kurt wirft das Seil von der wackeligen Pendelbrücke runter. Erst nach 40 Metern erreicht es den Boden. Einer nach dem anderen seilen wir in die Rinne ab. Wir landen im hüfttiefen Tiefschnee. Mit drei, vier Schritten nähen wir uns an die Kante, von der die nächste Abseillänge auf uns wartet. Der Blick in Richtung Grödner Joch lässt keinen Raum für Fragen. Mindestens noch einen Dutzend Abseillängen. Senkrecht nach unten. Das ist der erste Winterabstieg durch die Exnerrinne.

Abseilen von der Hängebrücke

22. Dezember 2001. Um 7 Uhr dreißig parken wir unsere Autos kurz vor dem Grödner Joch. Das Thermometer zeigt minus 15°, es weht stürmischer Wind. Die Holzstangen, die die Strasse markieren, wackeln wie verrückt. Die wenigen Wolken am Himmel bewegen sich mit unwahrscheinlicher Geschwindigkeit. Wir beraten uns. Bei dem Wind-Chill Faktor würden wir schnell Erfrierungen bekommen.
Kurt Walde, unser Bergführer, rät von der Besteigung des Pisciadù Klettersteigs ab. Frustriert fahren wir nach Colfosco runter und erwärmen uns mit heißem Tee.
Das Wetter ist stabil. Der Verzicht auf unser geplantes Abenteuer kostet mehr Kraft als das Abenteuer selbst. Nach circa einer Stunde scheint der Wind aber schwächer zu werden. Die Wolken bewegen sich viel langsamer. Die Entscheidung ist nun schnell getroffen. Innerhalb kürzester Zeit befinden wir uns auf dem Zustiegspfad in Richtung Via Ferrata.

Es liegt wenig Schnee. Das vereinfacht die Begehung des Klettersteigs. Die Bedingungen sind nahezu perfekt. Wir müssen nicht einmal die Felsabsätze vom Schnee befreien. Unsere Geschwindigkeit ist praktisch dieselbe wie im Sommer. Oder sogar schneller. Heute müssen wir nicht einmal anstehen. Kein Mensch, außer uns, befindet sich auf dem Exnerturm. In der warmen Jahreszeit muss man hier oft mit Staus rechnen.

Der Pisciadù-Klettersteig ist der vielleicht beliebteste in den ganzen Dolomiten. Schön ausgesetzt, nicht zu weit vom Auto, perfekt gesichert und mit einer Hütte, der Pisciadù Hütte, am Ausstieg. Wahrscheinlich ist es aber die Hängebrücke zwischen dem Exnerturm und dem restlichen Sellamassiv, die den besonderen Reiz der Unternehmung ausmacht. Man sieht sie deutlich von der Passstrasse. Sie schwebt unbeeindruckt da oben. Es sieht so aus, als ob sie jeden Bergsteiger rufen würde.

Die Kletterei macht Spaß. Kurt sichert uns zusätzlich zu unseren Klettersteig-Sets. Genussklettern im tiefen Winter. Die Via Ferrata ist windgeschützt. Wir ziehen die Jacken aus. Das hätte keiner von uns heute morgen gedacht.

Fast auf dem Gipfel

 

Die Landschaft ist im Vergleich zum Sommer kaum wiederzuerkennen. Vereiste Wasserfälle wechseln sich ab mit schnee- und eisgefüllten Rinnen. Der Wind hat den Schnee in alle Richtungen transportiert. Die Stille kommt uns komisch vor. Keine Stimmen, kein Vogelgeschrei. Nur wir und die Sella. Bevor wir unsere Abseilaktion starten, gehen wir bis zum Gipfel des Exnerturms. Die Aussicht ist grandios.

>>>>> NEXT >>>>>