Pisciadù Winterbegehung
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Die erste Abseillänge von der Brücke ist freihängend. Man schwebt in luftiger Höhe wie die Brücke selbst. Die zweite ist nicht nur freihängend, sondern auch ziemlich dunkel. Man seilt in eine Riesenhöhle ab. Eine Art Kathedrale. Die Rinne wurde hier von Hängeblocken zugeschüttet, so, dass sie nur eine Öffnung in Richtung Tal hat. Die Konturen der schmalen Rinne zusammen mit den im Hintergrund zu sehenden hellen Cirspitzen bilden eine fantastische Kulisse. Hier wird unser Biwakplatz sein, sagt Kurt. Ungläubig schauen wir uns an, wie können 3 Personen in dieser Enge zwischen all den Steinen campieren?

Panzerfestes Eis

Nachdem unsere Schlafplätze eingerichtet sind, wird der unwirtliche Platz jedoch fast gemütlich. Wir entdecken sogar eine Wasserquelle. Das Wasser friert gleich am Ausgang der Grotte ab und bildet einen schönen Eisfall, über den wir morgen abseilen werden. Beim Teekochen, gekuschelt in unseren Schlafsäcken, erzählt uns Kurt die Einrichtung der Abseilroute während des letzten Sommers. Dabei entdeckte er die Riesenhöhle und kam auf die Idee der Winterbegehung des Pisciadù-Klettersteigs.

Der Normalabstieg ist im Winter lawinengefährdet. Deshalb musste er nach einem alternativen Weg suchen. Mit Stahlketten, Bohrhaken und Bohrmaschine ausgerüstet seilte er von der Hängebrücke ab und richtete 14 Stände ein. Er gibt selbst zu, dass die ersten zwei Abseillänge ziemlich furchterregend seien, wenn man nicht weiß, was danach kommt. Es gibt aber immer die Möglichkeit, runtergelassen zu werden. Empfohlen an alle unsicheren Kletterer!


Es ist erst 18 Uhr. Eine windfeste Kerze brennt , wir reden und trinken Tee. Conny hat sich die Nacht viel kälter vorgestellt. Jetzt, im Schlafsack und bei guter Stimmung merkt man kaum, dass es hier circa -10° hat. Die Schuhe sowie alles andere, das morgen am Körper angezogen werden muss, finden im Schlafsack Platz. Wir befolgen die Anweisungen von Kurt. Er hat jeweils die Messner/Holzer Route sowie die Via Soldá/Bertoldi an der Langkofel Nordwand im Winter erstbestiegen. Vor etwa 15 Jahren waren diese zwei Routen eine der letzten großen ungelösten Winterprobleme. Unser Biwakplatz heute wäre da ein Luxus gewesen. Felsbänder oder kleine Absätze voller Schnee wurden verwendet, um die langen winterliche Nächte zu verbringen. Wir hören seinen Geschichten mit Respekt zu.

Spaß beim Abseilen

Das Morgenlicht hellt langsam die Höhle auf. Durch die Felsspalte sehen wir die Passstrasse. Keiner hat Lust, den warmen Schlafsack zu verlassen. Die ganze Abseilroute verläuft auf der Nordseite, die Kälte greift insbesondere die Füße an. Das Eis ist so hart, dass manchmal die Zacken der Steigeisen keinen Griff finden. Der Wasserfall, der unseren Abstieg begleitet, hat sich zu den bizarrsten Eisformen entwickelt. Die Schlucht wird breiter je weiter wir nach unten kommen, Abseillänge nach Abseillänge kämpfen wir uns durch diese Zauberlandschaft.
Das ganze erinnert mehr an eine Canyoning Tour als an eine Klettertour. Unten können wir die Skipiste mit ihren Liften erkennen. Was für ein Kontrast zu unserem Abenteuer in der Welt der Vertikale. Eingepackt in der Winter-Kletterausrüstung fühlen wir uns wie Pioniere aus einer anderen Welt. Der Eindruck, was besonderes gemacht zu haben, wird immer klarer als die Spannung des Abseilen nachlässt. Beim Laufen auf dem vereisten Pfad in Richtung Parkplatz wird geredet, die Gesichter entspannen sich, die Füße werden endlich wieder warm. Mehrmals wird man stehen bleiben und sich umdrehen. Der Blick geht zum Exnerturm. Da, wo die Zeit stehen geblieben ist.

Kurt Walde Conny Fischer Marco Toniolo

Text: Marco Toniolo
Bilder: Marco Toniolo und Kurt Walde
Für mehr Fotos und Text bitte Marco Toniolo kontaktieren!

INFO

Die Tour wird vom Bergführer Kurt Walde angeboten.
Tel: +39-335-213842 oder +39-0474-530105
E-Mail: mountain_soul@rolmail.net
Es werden bis zu zwei Leuten geführt.
Ausrüstung: Klettergurt, Klettersteig-Set, Abseilachter, Eispickel, Steigeisen, Helm, Schlafsack, Isomatte, Plastikschuhe (teilweise von Kurt erhaltbar).

 

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